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Verhandlungsauftakt in Potsdam

Öffentlicher Dienst

Verhandlungsauftakt in Potsdam

„Ich bin Alzheimer-Telefonist: Ich vergesse die Anrufer, die mich nicht“, sagt Sven Kowalski von der Minijob-Zentrale Cottbus. Bis auf 1.200 Telefonate komme er im Monat, rechnet Susanne Feldkötter vor, als sie ihn stellvertretend für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst in der Kategorie Leben auszeichnet. „Welcher Teenager telefoniert so viel?, fragt sie, um mal mit einem anderen Bild zu verdeutlichen, dass nicht nur Feuerwehrleute und Pflegekräfte, sondern alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst, auch die in Verwaltungen, bei den Sparkassen oder eben Sven oft unter immensen Druck arbeiten.
Es ist der 26. Februar, 10 Uhr 30, eiskalt, und vor dem Kongresshotel in Potsdam haben sich rund 150 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes trotz der Minusgrade versammelt, um die Verhandlungsführer für die erste Tarifrunde bei Bund und Kommunen lautstark zu empfangen. „Sechs Prozent, sechs Prozent, sechs Prozent“, rufen sie. Und: „200 Euro, 200 Euro, 200 Euro.“ Womit die entscheidenden Forderungen benannt sind: 6 Prozent für alle oder mindestens 200 Euro.

„Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen“, begrüßen die angereisten Beschäftigten der Polizei die ver.dianer in ihren weißen Aktionswesten, auf den zu lesen ist: „Wir sind es wert.“ Gleich anschließend begrüßen die Polizisten den gerade an sie herangetretenen Verhandlungsführer für den Bund, Innenstaatssekretär Hans-Georg Engelke, der den scheidenden Innenminister Thomas de Maizière, CDU, vertritt, und geben ihm mit auf den Weg: „Wir sind das Fundament, Zeit dass ihr’s erkennt.“

Thomas Böhle, Präsident der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), hat sich zuvor schon unerkannt zu Fuß an den Demonstrierenden ins Kongresshotel begeben. Alle warten jetzt nur noch auf den ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske, der die Verhandlungen für die Beschäftigten führt. Möglicherweise zum letzten Mal. „Es sei denn, wir setzen auch die zwölf Monate Laufzeit durch, dann ist er im kommenden Jahr nochmal dabei“, sagt Anna Dethlefsen, 29 Jahre alt und Verwaltungsfachwirtin aus Köln.

Vor zwei Jahren, nach der dritten Verhandlungsrunde, die für Anna mit einem „bombastischen Ergebnis“ endete, hatten sie eine eigene Facebook-Seite eingerichtet, für die sie mit verantwortlich war: „Das war eine Katastrophe. Dämliche Kommentare, faktisch falsch, und du musst das alles beantworten oder bearbeiten.“ Es seien weder „frustrierende Erlebnisse“ hier mitzumachen noch eine „unbeherzte Gewerkschaftsführung“, die für schlechte Ergebnisse und Mitgliederschwund verantwortlich sei, wie es jetzt schon vor Beginn der diesjährigen Verhandlungen auf der ver.di-Facebook-Seite kommentiert wird, sagt Anna. „Frustrierend ist, dass 90 Prozent nicht mit rausgehen.“

Bedingungen so gut wie noch nie

Um 13 Uhr 15 trifft Frank Bsirske ein. Die Beschäftigten haben sich nach Stunden in der Kälte und heißer Soljanka ins Foyer des Tagungshotels zurückgezogen, wo sie ihn mit Pfeifen und Tröten begrüßen. Er sagt ihnen, dass er nicht den geringsten Grund sehe, sich bei den Forderungen auch nur einen Deut zurückzunehmen. „Das ökonomische Umfeld ist in diesem Jahr so gut wie noch nie. Es sind günstigere Rahmenbedingungen als wir sie in den letzten 20 Jahren jemals gehabt haben.“ Die Wirtschaft rede von goldenen Zeiten. „An diesem Erlebnis wollen wir teilhaben“, sagt er.

Drei Stunden später geht die erste Verhandlungsrunde zu Ende. Erwartungsgemäß liegen die Vorstellungen noch weit auseinander, ein konkretes Angebot der Arbeitgeber gibt es nicht. Für März kündigt die Gewerkschaft Warnstreiks an. Die Friedenspflicht endet am 28. Februar 2018. Anna wird in ihrer Dienststelle viele Kolleginnen und Kollegen fragen: „Warum sitzt ihr da?“ Und auch Salome Voigt, 22 Jahre und Kundenberaterin bei der Sparkasse im Burgenland, die wie Sven Kowalski stellvertretend für alle in der Kategorie Vertrauen geehrt wurde, hat ihre Parole parat: „Einfach was machen und kämpfen.“ Kommt am Ende mehr bei raus.

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Nachrichten zur Tarifrunde ÖD 2018